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Sprachen und Kommunikations­systeme, mit denen Gebärdensprach­dolmetscherInnen in Deutschland arbeiten

Die Gruppe der gern als Hörgeschädigte zusammengefassten Menschen ist sehr heterogen. Es ist nicht nur sehr unterschiedlich, wie viel eine Person mit oder ohne technische Hilfsmittel hört, es ist auch von Bedeutung, ob die Hörschädigung vor dem Erlernen der Lautsprache eintrat oder nicht. Jemand, der Gesprochenes hauptsächlich über die Augen wahrnimmt und seine eigene Stimme nicht über das Ohr kontrollieren kann, wird sich in der Lautsprache in den meisten Fällen nicht zu Hause fühlen. Je nach KlientIn und abhängig von den Gegebenheiten vor Ort können daher (neben der Lautsprache) unterschiedliche Kommunikationsformen von der DolmetscherIn gefordert sein.

DGS

Am häufigsten wird von Deutsch in Deutsche Gebärdensprache (DGS) und umgekehrt von DGS in Deutsch gedolmetscht (Letzteres wird in der Community als Voicen bezeichnet).

Die Deutsche Gebärdensprache ist im Gegensatz zu den weiter unten genannten Kommunikationssystemen eine eigenständige Sprache und verfügt als solche über eine vollständige Grammatik. Sie ist ebenso komplex wie andere Sprachen, jedoch werden die Einheiten nicht akustisch, sondern visuell wahrgenommen. DGS ist wie andere Sprachen natürlich gewachsen und daher landesspezifisch. Es werden darüber hinaus zum Beispiel in Deutschland verschiedene Dialekte unterschieden.

Lange Zeit wurde nicht erkannt, dass sich in Gebärdensprache abstrakte Zusammenhänge ausdrücken lassen und sie nicht mit Pantomime zu vergleichen ist. Das führte sogar dazu, dass die Benutzung von Gebärdensprachen im Unterricht an Gehörlosenschulen in großen Teilen Europas durch den 2. Mailänder Taubstummenlehrer-Kongress von 1880 verboten wurde. Zwar wird in den meisten Ländern mittlerweile wieder die jeweilige nationale Gebärdensprache in den Schulen benutzt und auch unterrichtet. Jedoch trifft dies leider auf fast alle Gehörlosenschulen in Deutschland noch nicht zu: Obwohl die Gebärdensprachen seit Beginn ihrer Erforschung in den USA durch W. Stokoe linguistisch anerkannt sind und das Europäische Parlament eine Empfehlung zur Anerkennung der Gebärdensprachen an die damaligen Mitgliedstaaten richtete, wurde die rechtliche Anerkennung der Gebärdensprache in Deutschland erst im Jahre mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes umgesetzt. Seither sind auch in allen Bundesländern Landesgleichstellungsgesetze verabschiedet worden.

LBG und LUG

Hörgeschädigte, die die deutsche Lautsprache gewohnt sind, werden in bestimmten Situationen eher ein Kommunikationsmittel bevorzugen, das das gesprochene Deutsch visualisiert. Das heißt, dass die Grammatik und Wortreihenfolge des Deutschen beibehalten werden und jedes Wort durch eine Gebärde begleitet wird, wie es beispielsweise bei den Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) geschieht. Es gibt noch weitere ähnliche Kommunikationssysteme wie zum Beispiel das Lautsprachunterstützende Gebärden (LUG), bei dem im Vergleich zu LBG weniger Gebärden verwendet werden und ein größeres Gewicht auf dem Absehen vom Mund der DolmetscherIn liegt.

Fingeralphabet

Ein Hilfsmittel, das nicht von allen hörgeschädigten Menschen genutzt wird, aber weit verbreitet ist, ist das Fingeralphabet. Jeder Buchstabe wird dabei durch eine Handform repräsentiert. Dieses System kommt zum Beispiel zum Einsatz, um Eigennamen, Fremdwörter u. Ä. zu buchstabieren, für die es keine Gebärden gibt. Es handelt sich dabei also nicht um eine inhaltliche Übersetzung, sondern eine so genannte Transkodierung, also eine bloße Übertragung der Form des einen Zeichensystems (Buchstaben) in die des anderen (Handzeichen).

Lormen, Nießen, Daktylieren, Abgefühlte Gebärden

Viele Gebärdensprachdolmetscher­ausbildungen umfassen auch das Dolmetschen für taubblinde Menschen. Redebeiträge werden dabei mit Hilfe eines Tastalphabets in eine Hand des/der Taubblinden getippt. Es gibt drei verschiedene Systeme: das Lormen, das über die Handfläche, das Nießen, das über den Handrücken abgefühlt wird, und das Daktylalphabet, bei dem Handzeichen – ähnlich dem Fingeralphabet – in der Hand des taubblinden Menschen geformt werden. Da aber alles Gesprochene und auch andere Informationen, die die Umgebung betreffen, buchstabiert werden müssen, sind diese Kommunikationssysteme relativ langsam.

Bei Personen, die zuerst eine Hörschädigung hatten, zu der später eine Sehschädigung hinzukam, und die von daher eher in Gebärdensprache kommunizieren, ist es auch möglich, dass die DolmetscherIn gebärdet und die taubblinde KlientIn die Gebärden (Handformen und Bewegungen der Hände) abfühlt.

Abgesehen von den speziellen kommunikativen Anforderungen unterscheidet sich das Dolmetschen für Taubblinde auch sonst von anderen Einsätzen: Taubblinde Menschen brauchen eine Begleitperson, die sie in einer fremden Umgebung führt, auch in den Pausen für sie da ist und sie gegebenenfalls zu dem Veranstaltungsort bringt und wieder nach Hause fährt. Es wird in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt, ob die GebärdensprachdolmetscherIn diese Aufgaben ebenfalls übernimmt oder nicht.