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Freiberufliche Tätigkeit

Der Status einer FreiberuflerIn wird vom BFB (Bundesverband der Freien Berufe) wie folgt definiert:

Angehörige freier Berufe erbringen auf Grund besonderer beruflicher Qualifikation persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig geistig-ideelle Leistungen im Interesse ihrer Auftraggeber und der Allgemeinheit. Ihre Berufsausübung unterliegt in der Regel spezifischen berufsrechtlichen Bindungen nach Maßgabe der staatlichen Gesetzgebung oder des von der jeweiligen Berufsvertretung autonom gesetzten Rechts, welches die Professionalität, Qualität und das zum Auftraggeber bestehende Vertrauensverhältnis gewährleistet und fortentwickelt. […]

Das oben erwähnte Vertrauensverhältnis als autonom gesetztes Recht wird bei den GebärdensprachdolmetscherInnen als Anhänger freier Berufe durch die Berufs- und Ehrenordnung, die für Mitglieder des Bundesverbandes der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschlands (BGSD) e.V. verbindlich ist, gewährleistet. Auch durch fundierte Ausbildungen sowie kontinuierliche Fortbildung wird die Qualität und Professionalität der GebärdensprachdolmetscherInnen fortentwickelt.

Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wird in Deutschland hauptsächlich freiberuflich ausgeübt. Dieser Umstand bringt – wie einleitend erwähnt – Unabhängigkeit und damit Verantwortung für die Qualität der geleisteten Arbeit, die reflektierende Auseinandersetzung mit der Dolmetscherrolle sowie dem eigenen Verhalten innerhalb und außerhalb von Dolmetschsituationen, die eigenständige persönliche Weiterentwicklung und Wissenspflege etc. mit sich. Angestellte DolmetscherInnen sind von dieser Verantwortung selbstverständlich nicht entbunden.

Außer diesen Faktoren, die den Beruf und das Dolmetschen selbst betreffen, ist auch eine wirtschaftliche Arbeitsweise von freiberuflich Tätigen unerlässlich. Mit der freiberuflichen Tätigkeit sind bestimmte Kosten verbunden, die nicht wie bei ArbeitnehmerInnen teilweise oder vollständig durch die Arbeitgeber abgedeckt werden und von daher in die Kalkulation einer DolmetscherIn einbezogen werden müssen.

Die folgende Liste soll ein kleines Vergleichsbeispiel sein:

angestellt freiberuflich
soziale Absicherung und Altersvorsorge in der Regel unter Beteiligung des Arbeitgebers an den Beiträgen soziale Absicherung und Altersvorsorge ausschließlich eigenfinanziert
festes Einkommen unregelmäßiges Einkommen (saisonale Schwankungen, Sommerloch)
Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall Krankheit = Verdienstausfall
bezahlter Urlaub Urlaub = dreifache Belastung
• Abwesenheit, d. h. keine Einnahmen
• Unterbrechung der Anschlussplanung
• mtl. anfallende Betriebsausgaben laufen weiter
festgelegte bzw. garantierte Arbeitszeiten ständig wechselnde bzw. unsichere Arbeitszeiten
Zuweisung der Aufträge Aufbau des Kundenstamms (Akquise)
berufliche Fort- und Weiterbildung im Rahmen der Tätigkeit berufliche Fort- und Weiterbildung auf eigene Kosten
Kundeninformation in der Regel abgedeckt Kundeninformation (Customer Education) selbstständig und jedes Mal neu
Vorbereitung/Nachbereitung während der Arbeitszeit zusätzliche Vor- und Nachbereitung in der unbezahlten Arbeitszeit
fester Arbeitsvertrag Vertragsabschlüsse bei jedem neuen Auftrag

Daraus ergeben sich berufsbedingte Ausgaben, die in die Kalkulation einer freiberuflich tätigen DolmetscherIn einfließen. Monatlich fallen beispielsweise Kosten für Krankenversicherung, Unfallversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, Altersvorsorge, Mobilität (z. B. Benzinkosten), Miete und Strom (Büro), Telekommunikation, gegebenenfalls Personalkosten, Rücklagen für Anschaffungen, Fachliteratur, Verbrauchsmaterial und Porto an. Hinzu kommen Kosten u. a. für Fortbildungen, Supervision, Berufshaftpflichtversicherung, Berufsrechtsschutzversicherung, Mitgliedsbeiträge an Berufsverbände, Steuerberatung.

Diese Ausgaben muss eine FreiberuflerIn unbedingt im Blick haben, um die Höhe ihres Stundensatzes zu kalkulieren. Um dies berechnen zu können, muss ihr klar sein, welche bezahlten und welche unbezahlten Tätigkeiten in welchem Umfang auf sie zukommen. Bezahlt wird in der Regel nur die Dolmetschzeit (inkl. Pausen und Wartezeit) zuzüglich der realen bzw. kalkulierten Fahrzeit und der Fahrtkosten oder einer Wegepauschale.

Die Zeit, die ein Mensch am Tag dolmetschen kann, ohne auf die Dauer gesundheitliche Probleme erwarten zu müssen, ist jedoch beschränkt. DolmetscherInnen sind während ihrer Tätigkeit von vielen äußeren Faktoren abhängig, u. a. von der Sprechgeschwindigkeit der zu dolmetschenden RednerInnen. Solche von der DolmetscherIn nicht kontrollierbaren Faktoren sowie die für das Dolmetschen notwendige Konzentration führen zu einer permanenten Anspannung des Körpers. Bei GebärdensprachdolmetscherInnen kommt eine hohe Beanspruchung der Feinmotorik (Finger, Hände, Handgelenke) und eine konstante Anspannung von Teilen des Körpers (Schulter-, Nacken- und obere Rückenmuskulatur) hinzu. Diese Beanspruchung wird mit der von BerufsmusikerInnen oder Akkord-NäherInnen verglichen. Aufgrund dieser Belastungen gibt es für angestellte GebärdensprachdolmetscherInnen eine empfohlene maximale tägliche Dolmetschzeit von vier Stunden im Durchschnitt, um Erholungsphasen zur gesundheitlichen Vorbeugung typischer Berufskrankheiten zu gewährleisten. Diese den Bewegungs- und Stützapparat betreffenden Berufskrankheiten sind nur vermeidbar, wenn der Körper regelmäßig und nach langen Einsätzen angemessene Erholungspausen erhält.

Der Arbeitsalltag besteht also nur zum Teil aus honorierter Zeit. Die weiteren Arbeiten, die Feiberuflichkeit mit sich bringt, wie Akquise, inhaltliche und organisatorische Vorbereitung und Nachbereitung, Buchhaltung, Weiterbildung etc., zählen nicht dazu, sondern fallen zusätzlich an.

Auf Grundlage der persönlichen Gegebenheiten ist jede FreiberuflerIn selbst dafür verantwortlich, wirtschaftlich zu arbeiten und für eine ausreichende soziale Absicherung zu sorgen, ohne dabei die unbezahlten Tätigkeiten zu vernachlässigen oder sich durch dauerhafte Überbeanspruchung ernsthaft zu schädigen.